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Im Wietingsmoor bei Freistatt (Mitte Mai 2005). Was aussieht wie Schnee, ist Wollgras. Die Landschaft befindet sich im Sukzessionsstadium unmittelbar nach der Wiedervernässung: Noch sind Umrisse der alten Torfstiche und abgestorbene Birken zu sehen.
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Das Wietingsmoor zwischen Diepholz und Sulingen ist das größte Moorgebiet im Landkreis Diepholz. Es hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von 25 km und eine Fläche von 5000 Hektar. Heute ist es ein beeindruckendes Naturreservat, aber bis 1995 fand dort intensiver Torfabbau für ein von der Diakonie als Wirtschaftsunternehmen betriebenes Torfwerk statt. Die abgelegene kleine, nicht besonders ansprechend wirkende Diakonie-Siedlung Freistatt im Wietingsmoor - eine kleine Häuseransammlung aus den letzten 100 Jahren - ist heute eine soziale Einrichtung, in der hauptsächlich Wohnungslose, Suchtkranke und Jugendliche “in schwierigen Lebenssituationen” aufgefangen werden. Doch die Vergangenheit dieser Moorsiedlung hat eine dunkle Seite.
In den Mooren Norddeutschlands waren nicht nur die entwurzelten Moorkolonisten, die dort in “schwankenden Landen” (Rilke) ein neues Leben begannen, einem äußerst harten und entbehrungsreichen Leben in der Einsamkeit ausgesetzt, sondern die Moore waren für zahlreiche Menschen auch ein Verbannungsort:
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>>[...] Auf einer Sitzung des “Deutschen Landwirtschaftsrates” im Jahre 1911 forderte der preußische “Geheime Regierungsrat” Dr. Krohne, daß von den etwa 45000 Strafgefangenen 4000 bis 5000 “asoziale und staatsfeindliche Elemente” als billige Arbeitskräfte in die Moore geschickt werden sollten. Diesem Vorschlag folgend, setzte man dann auch bald in verschieden großen Moorgebieten Strafgefangene ein. [...] Von hier führt ein gerader Weg zu den faschistischen Konzentrationslagern. [...] Denken wir an das Lager Börgermoor, wo das Lied von den Moorsoldaten entstand: “Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor...” [...]<< [Zit. aus: Succow, Jeschke, Moore in der Landschaft, Urania-Verlag]
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Die mitten im Wietingsmoor liegende Diakonie Freistatt wurde 1899 von Friedrich von Bodelschwingh gegründet. Hier sollten “Wanderarme” (Obdachlose) untergebracht werden und nach dem Motto “Bete und arbeite” das Moor kultivieren. Der ursprüngliche Gedanke, die “Wanderarmen” im Moor als Moorkolonisten anzusiedeln, erwies sich von Anfang an als unrealisierbar. So wurden sie im Moor in Form sogenannter “Arbeiterkolonien” in Lagern (Heimen) untergebracht und als Arbeitskräfte in den Wirtschaftsunternehmen der Diakonie (Torfwerk, Gärten, Werkstätten) eingesetzt. Für die “Wanderarmen” war es zumeist keine freie Entscheidung, die Diakonie Freistatt anzulaufen, denn Betteln und Landstreicherei waren bei Strafe verboten. Die Alternative war also oftmals das Gefängnis.
Gleichzeitig war Freistatt von Anfang an eine Erziehungsanstalt (Fürsorgeerziehung) für Jungen. Fürsorgeerziehung in “Anstalten” >>[...] entstand [in Deutschland] 1871 für 12-18-jährige – damals lag die Strafmündigkeitsgrenze noch bei 12 Jahren – als strafrechtliches Sanktionsmittel. Den Ländern wurde schon bald – 1876 - die Möglichkeit eingeräumt, den Einsatz dieses Mittels auszudehnen, auch auf unter 12-jährige. Seit 1900 wurde dann die Anwendung von Fürsorgeerziehung von Straftatbeständen abgekoppelt, zur Voraussetzung wurde nun die „Verwahrlosung“. Lange galt dabei die Fürsorgeerziehung als das, was die Rechtsdogmatik als „besonderes Gewaltverhältnis“ bezeichnete (Schulen, Bundeswehr, Gefängnisse, Psychiatrie, Heime…), ein Konstrukt, eigentlich zur Rettung vorkonstitutioneller Verwaltungsmacht, das den Verwaltungsorganen massive Befugnisse zu Grundrechtseingriffen zugestand und das erst 1971 vom Bundesverfassungsgericht für untragbar erklärt wurde.<< [Zitat aus der Website des “Vereins ehemaliger Heimkinder e.V.” über die 3. Anhörung vor dem Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages im Jahre 2008]. In Freistatt wurden die Zwangszöglinge im Alter zwischen 14 und 21 Jahren bis in die 1970er Jahre wie Strafgefangene behandelt und als unentlohnte Zwangsarbeiter in der Torfwirtschaft der Diakonie eingesetzt. Ihre Arbeitskraft kompensierte das Defizit der in ihrer Leistungskraft stark eingeschränkten “Wanderarmen” der Arbeiterkolonien. Abgelegenheit, Isolierung, Erniedrigung, knallharte Disziplinierung, Anwendung der Prügelstrafe und Ausnutzung der Hackordnung unter den Jugendlichen waren das “Erziehungs”-konzept. Dabei hatte ein beträchtlicher Teil der Jungen im Gegensatz zur landläufigen öffentlichen Meinung nie eine Straftat begangen. Grund für die Einweisungen waren oftmals zerrüttete Familienverhältnisse, Scheidung oder Tod von Elternteilen und ähnliches bis hin zur “Freiwilligen Fürsorgeerziehung” aufgrund Überforderung der Eltern. “[...] Man hat immer wieder gesagt, wir sind für die ganz Harten da, zur Vermeidung von Zuchthaus, für junge Straftäter. Das war in vielen Fällen auch so. Aber es sind auch eine Fülle von Jugendlichen hier gewesen, die wegen Lappalien, weil der Stiefvater mit dem Stiefsohn nicht zurecht kam, weil die Mutter überfordert war mit ihren sieben Kindern, weil die Nachbarn es nicht gut fanden, daß ein 14-Jähriger schon eine Freundin hatte, und, und, und, solche Dinge, die dazu geführt haben, daß Jugendämter die Jugendlichen hierher eingewiesen haben.” [Zit.: W. Tereick, ehem. Leiter der heutigen Diakonie Freistatt in einer Sendung des SWR]
Der Alltag der Zöglinge war bis in die 1970er Jahre von Schlägen und Demütigungen durch “Erzieher” und “Hausväter”, sowie durch Hackordnungen und harte Rangkämpfe unter den Jungen geprägt. Viele wurden dadurch für ihr ganzes Leben traumatisiert. “Die damals gemachten Erfahrungen bestimmten nachhaltig Selbstbild und Lebenseinstellung Tausender. Sie blieben für immer seelisch verletzt. Viele verloren später den Halt und rutschten an den Rand der Gesellschaft ab.” [Zit.: P. Wensierski] In der Weite des Moores war für die Zöglinge eine Flucht nur selten erfolgreich. Aufgegriffenen und zurückgeführten Flüchtigen drohten drakonische Sanktionen sowie Prügel von den Mithäftlingen, die für Fluchtversuche von Kameraden mit Kollektivstrafen belegt wurden. Vor 1945 kam es nicht selten zu Überstellungen von Fürsorgezöglingen in das Jugendgefängnis Hamborn. Der Grund für die Verurteilungen waren meist Straftaten im Zusammenhang mit Fluchtversuchen aus Freistatt. Nach 1933 war Hamborn für einige die Durchgangsstation zum Jugend-Konzentrationslager Moringen.
1904 wurde die sogenannte “Moorpension” zur Betreuung Suchtkranker eingeweiht. Nach 1933 kam es besonders dort zu zahlreichen Zwangssterilisationen, die zumeist im Kreiskrankenhaus Diepholz vorgenommen wurden. Heute kann nachgewiesen werden, daß die Freistätter Anstaltsleitung dabei sogar schärfer vorgegangen ist, als es der NS-Staat verlangte.
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>>[...] 1910: Strafen bei den Jugendlichen: Kettenhosen, Arrestzelle, Wasser und Brot, Stockschläge (z.B. “6 Stockschläge; weil er aufspringt, noch 4 mehr”); Kurzschneiden der Haare nach Entweichen [...] Fehlen beim Kirchgang wurde zeitweise mit Essenentzug bestraft.[...]
Nach 1933: Pastor Paul Braune, führend in der diakonischen Arbeit tätig, befürwortet, “daß die gesunden, wirklich arbeitsfähigen Leute, die sich nachweislich auf den Landstraßen herumtreiben, durch die Polizei den Konzentrationslagern zugeführt werden”. [...] Er war der Meinung, “daß sich die Arbeiterkolonien durchaus zur Verfügung stellen sollten für die Aufnahme verhafteter Asozialer.”
1935: Prof. Villinger (Bethel) veröffentlicht in der “Zeitschrift für Kinderforschung” einen Aufsatz, demzufolge insgesamt 30% der Fürsorgezöglinge schwachsinnig (und damit zu sterilisieren) seien; für Freistatt und Eckardtsheim schätzt er 50%.
1934-1941: Anträge der Anstalt Freistatt auf Durchführung von Zwangssterilisationen; [...] zwischen 28.4.1936 und 5.2.1941 werden bei den zuständigen Erbgesundheitsgerichten 106 Anträge gestellt; betroffen sind vor allem Fürsorgezöglinge und Pfleglinge der Moorpension (22 Fälle aktenkundig) [...]<<
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Die Erziehungsanstalt “Moorhort” (erbaut im Jahre 1901) war eines von vier Erziehungshäusern in Freistatt und ist davon das einzige, das in seinem ursprünglichen Baustil erhalten geblieben ist. Laut Aussagen von Zeitzeugen waren die Freistätter Erziehungshäuser die Hölle. Das Gebäude dient heute anderen Zwecken. Zwei Karzer unter dem Dach sollen noch heute erhalten sein (Foto von 2005)
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>>[...] Nach 1939: Deckertau als fünftes Erziehungsheim mit Jugendlichen belegt.
1940, Oktober: Ein Jugendlicher wird auf Vorschlag des Landesjugendamt Bremen von der Gestapo von Freistatt in das Jugend-KZ Moringen verlegt; er überlebt und schildert 1987 in einem Interview seine Erlebnisse.
16.9.1943: Die Verlegung eines Jugendlichen in die Außenstelle des KZ Buchenwald in Dessau aktenkundig [...]
4.11.1944: Die Verlegung eines weiteren Jugendlichen in das Jugend-KZ Moringen am Solling aktenkundig.
50er Jahre: Vorrübergend gibt es 6 Fürsorgeerziehungsheime: Moorhort, Moorstatt, Moorburg, Deckertau, Wegwende und ein “offenes Heim” in Heimstatt.
Anfang 60er Jahre: [...] in Deckertau [wird] mit den Farbmarkierungen rot/blau/braun bei den Zöglingen gearbeitet; die anderen Heime hatten andere Farben.
[...]1.3.1960: Das Landesjugendamt Hannover beanstandet die Verwendung anderer Züchtigungsmittel außer dem Rohrstock (Forkenstiel, Gabelstiel, Torflatte, Pantoffel, Besenstiel) [...]
September 1976: Letzte körperliche Züchtigung im Jugendbereich aktenkundig. [...]<<
[Zitate aus: Motzkau-Valeton, Streiflichter aus der Geschichte der Diakonie Freistatt, Schröderscher Buchverlag, Diepholz]
>>[...] 1970 schufteten noch immer 300 Menschen im Moor. Die “Hausväter” sind weiterhin ohne pädagogische Ausbildung. Hinter den vergitterten Fenstern werden die Jugendlichen in zellenartigen Schlafräumen nachts eingeschlossen. Drei Jahre später geht die Moorkirche in Flammen auf - zwei Zöglinge haben sie als Fanal des Protestes angezündet.[...]
[Zit. aus: Wensierski, Schläge im Namen des Herrn, DVA]
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Ältester Gebäudetrakt des Erzeihungshauses “Moorburg” in Freistatt (Foto von 2007). Drei Fenstergitter am Giebel sind noch erhalten! Ursprünglich waren alle Fenster vergittert. “Moorburg” wurde 1903 erbaut, 1962 erweitert und in “Wietingshof” umbenannt. Nach Aussagen eines Zeitzeugen, der zwischen 1977 und 1980 Zögling in Freistatt war, hatte “Wietingshof” noch Ende der 70er Jahre Gefängnischarakter mit vergitterten Fenstern und mehreren Einzelzellen.
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Erweiterung des Erziehungshauses ”Moorburg” (Wietingshof) aus dem Jahre 1962 (Foto von 2007). Schräg gegenüber dem Gebäude ist 2007 noch ein “Übungsplatz” mit einer Hindernisbahn und einer Eskaladierwand erhalten.
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In den 1950er Jahren waren in Freistatt zeitweise etwa 500 Fürsorgezöglinge in 6 Anstalten eingesperrt. Ab etwa Mitte der 1970er Jahre begann ein ganz allmählicher Dezentralisierungsprozeß, bei dem das Konzept der Isolierung und Konzentration der Jugendlichen in der Einsamkeit des Moores weitgehend aufgegeben wurde, und an dessen Stelle zunehmend eine gemeindenahe Betreuung in Wohngruppen in verschiedenen Ortschaften des Landkreises trat. Gleichzeitig änderten sich auch allmählich die Erziehungskonzepte: Wohngruppen, Tagesgruppen und betreutes Einzelwohnen lösten den brutalen geschlossenen Fürsorgeknast ab. Warum dies erst so spät geschah (die letzte offiziell vollzogene Prügelstrafe in Freistatt wurde 1976 aktenkundig), wird von der Forschung zu klären sein. In Freistatt kamen offensichtlich die Reformen besonders spät und langsam. Beispielsweise berichtete ein Zeitzeuge, der von 1977-80 Zögling in Freisatt war dem Autor, daß die “Erzieher” trotz offiziell abgeschaffter Prügelstrafe immer wieder mit der Hand zuschlugen. Auch Kollektivstrafen waren laut des Zeitzeugen zwischen 1977 und 1980 noch üblich, so daß die Prügelstrafe gewissermaßen von den Zöglingen selbst ausgeführt wurde. “In Wegwende wurde abends die Flur-Tür abgeschlossen, so war man etwaigen Übergriffen chancenlos ausgesetzt. Diese Übergriffe waren von der Heimleitung erwünscht. “ [Zitat des Zeitzeugen] Dabei kam es auch zu schweren Prügeleien und Mißhandlungen durch “Erzieher” und Kameraden. Von diesen Übergriffen durch “Erzieher” wurde aber wegen der offiziellen Abschaffung der Prügelstrafe nichts mehr aktenkundig und damit heute nicht mehr nachweisbar. Nur Zeugenaussagen können die Mißhandlungen belegen. Das Resümee der Heimerziehung in Freistatt der Zeit von 1977 bis 1980 des Zeitzeugen ist vernichtend: “Fakt ist, dass Freistatt damals NIEMANDEM geholfen hat. Das Gegenteil war der Fall. Wer aus dieser Einrichtung kam war voller Misstrauen und Hass allem und Jedem gegenüber. [...] Ich kenne Leute, die an Freistatt völlig zerbrochen sind.[...]”.
Anfang der 1980er Jahre wurde in Niedersachsen aufgrund des Moorschutzprogramms der industrielle Torfabbau drastisch eingeschränkt, 1991 das “Naturschutzgebiet Freistätter Moor” gegründet, und 1995 die Torfwirtschaft der Diakonie mit der Schließung des Torfwerk Freistatt gegen eine Entschädigungszahlung vom Land Niedersachsen schließlich komplett eingestellt. Im Wietingsmoor erfolgt Torfabbau heute (2007) nur noch im nördlichen Bereich bei Wuthenau.
Mittlerweile gesteht die Diakonie das Unrecht ein, das sie in Freistatt in der Vergangenheit begangen hat, und beteiligt sich aktiv an seiner Aufarbeitung, allerdings nur so weit, wie sie für die Diakonie keine größeren Kosten verursacht. Das heißt, eine Entschädigung der Opfer für die lebenslangen psychischen, sozialen, teils auch körperlichen Folgeschäden, sowie eine Nachzahlung aufgrund von Zwangsarbeit nicht abgeführter Rentenversicherungsbeiträge fand bisher nicht statt. Ebenso wurden keine Täter und Verantwortliche (die sogenannten “Erzieher”, “Hausväter” und Diakone) für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen. Am 11.12.2006 fand erstmals eine Anhörung ehemaliger Heimkinder aus verschiedenen deutschen Heimen vor dem Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages statt. Sie war das Resultat einer im Auftrag des Vorstandes des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V. eingereichten Petition. Einige der wesentlichen Forderungen der Petition waren: Die Anerkennung betroffener ehemaliger Heimkinder als Opfer von Menschenrechtsverletzungen; die Regelung berechtigter Forderungen, die sich daraus ergeben; die Ächtung der menschenverachtenden Erziehungspraxis in Heimen während der Zeit von 1945 bis 1975; die Erklärung, daß die in den Heimen verlangte und geleistete Kinderarbeit Unrecht gewesen ist; die Gewährleistung der Finanzierung von Langzeittherapien der Traumata, an welchen viele der Betroffenen noch heute leiden.
Heute ist das Wietingsmoor wiedervernäßt, unter Naturschutz gestellt und nicht nur ein ungewöhnliches Naturparadies mit zahlreichen Touristik-Angeboten für Naturfreunde, sondern die einsame, wilde und melancholische Landschaft lädt auch zum Erinnern an das Schicksal der Opfer der Lagerwelt in den Mooren ein.
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Torfloren im nördlichen Wietingsmoor bei Wuthenau (2007)
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© Otwin Skrotzki.
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Buchtipps:
Wolfgang Motzkau-Valeton: “Streiflichter aus der Geschichte der Diakonie Freistatt”, Schröderscher Buchverlag Diepholz, ISBN 3-89728-027-2. Das Buch gibt mit vielen wichtigen historischen Daten und Fakten einen kurzen Abriß der Geschichte aus der Sicht der Diakonie.
Peter Wensierski: “Schläge im Namen des Herrn - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik”. Deutsche Verlags-Anstalt München, ISBN-10 3-421-05892-X. Dieses Buch basiert auf Aussagen der Opfer der Heimerziehung und schildert diese schonungslos in ihrer ganzen Grausamkeit.
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Webtipps:
Wietingsmoor. Touristische und naturkundliche Information über das Wietingsmoor finden Sie hier.
Das Lied von den Moorsoldaten. Schülerinnen und Schüler der Grundschule Friedrichsfehn stellen Fragen zu den Moorlagern. Hier.
Mein erster Tag in Freistatt. Wolfgang Rosenkötter erzählt von seinen Erlebnissen in der Zeitschrift “Sozial Extra”. Hier.
Fotos von den Erziehungsanstalten Freistatt aus dem Archiv der Diakonie auf der Website zu dem oben genannten Buch “Schläge im Namen des Herrn”. Hier.
1978 erschien der autobiografische Roman “Treibjagd” von Michael Holzner. Zwei Kapitel des Romans schildern die Erlebnisse des Protagonisten “Benjamin Holberg” in “Heiligenstatt” (gemeint ist Freistatt) und seine dramatischen Fluchtversuche aus der Erziehungsanstalt. Da es sich um einen Roman handelt, sind darin die Namen aller Schauplätze und Personen geändert. Auszüge aus den zwei Kapiteln hier.
Ein ehemaliger Zögling der Freistätter Erziehungsanstalten veröffentlicht seine Anstaltsakte. Hier.
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Rund 4 km nördlich Freistatt mitten im Moor, eingeschlossen von Torf und Sümpfen und nur über eine einzige, ganz schmale Straße erreichbar, der eine Lorenbahn parallel lief, war das Jugendlager Deckertau der Diakonie Freistatt. Es galt als das härteste, brutalste und schlimmste Erziehungshaus der Freistätter Anstalten. Es handelte sich um eine kleine, längliche Baracke mit vergitterten Fenstern, die neben dem Wohnhaus des Heimleiters stand. Der ehemalige Zögling Helmut K., der 1961/62 dort aufgrund “Freiwilliger Erziehungshilfe” Gefangener war, schrieb unter anderem folgende Aussagen an den Autor dieser Webseiten: >>[...] Unser Heim war ein Schafstall, dort schliefen wir mit etwa 30 Zöglingen. Und wenn wir abends aus dem Moor kamen, standen wir vor unserer Tür in Dreierreihe, der Heimleiter mit Schäferhund neben uns, die Praktikanten hinter uns. Dann kam der Befehl “Einrücken”, und sofort schlugen die Praktikanten von hinten wahllos jeden ins Genick. Da wir nicht alle zugleich durch eine Tür konnten, entstand Drängeln und Unruhe, und dadurch biß der Schäferhund jeden, den er erwischen konnte. [...]<< [Helmut K., 2007]
An was aus der Deutschen Geschichte erinnert uns das? ... Genau!
Helmut K. schreibt weiter: >>[...] Wir mußten im Moor tagtäglich Zwangsarbeit leisten, denn wir wurden ja mit Schikanen und Schlägen durch die “Brüder” der Diakonie inklusive der Praktikanten zu dieser Arbeit gezwungen [Anmerkung: die “Erzieher” mußten von den Zöglingen mit “Bruder” angeredet werden] - Schwerstarbeit im Moor ohne Lohn und ohne Rentenanwartschaft, in kleinster Unterkunft untergebracht und mit Nahrung wie Brotsuppe, Rote Grütze, Sauerkraut mit Stärkemehl als glitschige Klumpen lieblos hineingeschmissen. Und Haferschleim oder Nudeln mit Backobst, was man Hawaii-Goulasch nannte. [...] Im Sommer 1961 oder 1962 kam ein neuer Junge zu uns. Er war gerade erst im Aufenthaltsraum, und schon schlug der Erzieher zu. Dem Jungen platzte die ganze Oberlippe auf und hätte eigentlich genäht werden müssen. Das geschah aber natürlich nicht. Es hat lange gedauert, bis die Oberlippe wieder verheilt war. [...] Dieser Erzieher hatte rötliches schütteres Haar und Sommersprossen und war zu der Zeit etwa 45 Jahre alt. [...]<< [Helmut K., 2007]
Das kleine Bild oben zeigt die Straße nach Deckertau, das Bild unten das Heimleitergebäude in Deckertau mit dem Schuppen, der 1982 anstelle der 1964 abgerissenen Zöglingsbaracke errichtet wurde.
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Welcher Ton in Freistatt und Deckertau herrschte, kann man in Peter Wensierskis Buch nachlesen: >>Norbert Mehler, der als 19-Jähriger [im Jahre 1959] in der Diakonie Freistatt war, erinnert sich an viele Begebenheiten wie die folgende: “Wir waren gerade zu zweit beim Torfschlüren, so hieß das Schleppen des nassen Torfes in schweren Eisenkörben. Im Laufschritt marsch! Da brüllt ein ‘Hausvater’ meinen Namen. Mein Mitsklave und ich halten an. Ich nehme die Hände von den Tragestangen, um mich aufzurichten, und schon schlägt der ‘Hausvater’ zu, denn wir dürfen die Tragestangen ohne ausdrücklichen Befehl nicht loslassen! Sein Schlag fegt mir die Mütze vom Kopf. Und schon knallt es wieder, denn wir dürfen nicht ohne Mütze angetroffen werden! Ich beeile mich also, meine Mütze aus dem Moordreck zu puhlen, in den sie der ‘Hausvater’ mittlerweise mit dem Stiefelabsatz genüsslich hineiengetreten hat. Ich klatsche mir eilends das schmierige Etwas auf den Kopf, um nicht nochmals geschlagen zu werden.” Was sollte die Lehre aus dieser “Lektion” sein? Mehler: “Nicht der Dreck ist dreckig, sondern wir. Wir sind der ‘Abschaum’ der menschlichen Gesellschaft.” <<
[Zit. aus: Wensierski, Schläge im Namen des Herren]
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Bild oben: Das Erziehungshaus “Moorhort” (Foto von 2007)
>> [...] Es war hier eine Stimmung, die nur bedrohlich war für mich. Es wurde nur geschrien, es wurde nie richtig normal gesprochen, sondern die Kommandos wurden immer nur schreiend gegeben, und wenn man dann nicht sofort reagiert hat wie die Erzieher sich das vorgestellt haben, dann gab es sofort einen Klapps, entweder mit der Hand, mit der Peitsche, mit der Rute, mit der Gerte, im Moor mit Latten und Forken.<<
[Zit.: Wolfgang Rosenkötter in einer Radiosendung des SWR. Rosenkötter war Mitte der 60er Jahre Zögling in Freistatt ]
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Dieses Bild zeigt das Freistätter Erziehungshaus “Wegwende” auf der Hofseite, das Heim in Freistatt, aus dem anscheinend die meisten Zeugenberichte von Opfern kommen. “Wegwende” wurde im Jahre 1927 erbaut. Es war bis 1979/80 Erziehungshaus. Bis zuletzt kam es hier trotz der offiziellen Abschaffung der Prügelstrafe (1976) zu Mißhandlungen von Heimzöglingen durch sogenannte Erzieher. Dem Autor dieser Webseiten liegt folgende Zeitzeugenaussage eines ehemaligen Heimzöglings von “Wegwende” über die Zeit zwischen 1977 und 1980 vor: >>[...] Neben Schlägen war der sogenannte Sheriff-Stern ein häufig angewendetes Züchtigungsmittel. Dabei ließ sich ein 110kg schwerer Erzieher mit den Knien auf dem Brustkasten des Jugendlichen nieder und verdrehte ihm die Brustwarze bis es grün und blau wurde. [...]<<
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