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Etwa 10 km südlich der Stadt Diepholz liegt der Dümmer, der zweitgrößte Binnensee Niedersachsens. Seine Wasserfläche beträgt 13,5 qkm. Große Teile des Sees und seiner Uferregion stehen unter Naturschutz. Sie sind ein seltenes und empfindliches Gewässer-Ökosystem und ein bedeutendes Rast-, Brut- und Überwinterungsgebiet zahlreicher seltener Vogelarten.

 

>> [...] Obgleich das Wasser durch Moorteile die völlige Reinheit verliert [...], ist der See doch fischreich, namentlich finden sich : Hechte, Barsche, Aale, Karpfen und Brassen. Früher ist der Fischfang frei gewesen; doch mußten die Einwohner u. and. in Lembruch und Hüde ein Schiffgeld bezahlen “davor, daß sie Schiffe halten mügen” (mögen, dürfen); auch mußten sie zum Zweck der Schiffahrt zur Winterzeit den See aufeisen, denn bei den mangelhaften Wegen früher wurden die Hunte und der See für die Umgegend zum Transport per Schiff benutzt, u. and. soll viel Lüneburger Salz bis nach Hunteburg in dieser Weise geschafft sein; denn in Hunteburg hatten die Bischöfe zu Osnabrück einen eigenen Salzschiffer. Früher mußten auch manche Gutspflichtige die Fische aus dem Dümmer an den Gutsherren liefern. Später ist von der hannoverschen Regierung der Fischfang verpachtet, und wurden die Fische in großer Menge in der Umgegend und namentlich nach Osnabrück verkauft.

Da sich in den Schilfinseln viele wilde Enten aufhalten, hat die hannoversche Regierung 1678 bei Burlage, unmittelbar am See, einen Entenfang angelegt, welcher verpachtet wurde. Vorher war der Entenfang frei, und sollen oft in einem Jahre bis 1000 Stück geschossen sein. Auch jetzt werden die Enten wieder geschossen, nicht gefangen. <<

[H. Gade, Die Grafschaft Diepholz, Historisch-geographisch-statistische Beschreibung, 1901]

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>>[...] So kam es, daß im Februar 1948 mein eigenes Boot, nach heimatlichen Maßen gebaut, in das Wasser des Sees glitt. Im Fischerhafen erhielt es einen Platz, und seine Bodenbretter stellten wieder ein Stückchen eigenen Grund für uns dar. Mochte er im Winde auch schwanken und schaukeln. Er gab uns ein eigenes Recht und Sicherheit auf diesem See, dessen zwiefaches Gesicht mich von Anbeginn beschäftigt hatte. Das eine gaben ihm die Menschen, von denen ihn immer mehr entdeckten. Das zweite prägte die unberührte Natur dort, wo seine moorigen Teile an verlandende Ufer mit Schwingwiesen, an niedrige Weidenbüsche und junge Erlengehölze stießen. Großräumige, weithin sich dehnende Flächen waren es, die in ernsten Farben unter dem oft verschleierten Himmel lagen, über denen aber fast immer die Winde wehten, Leben und Bewegung in die Rohr- und Binsenwälder brachten, Nebelschleier und Wolken wandern machten und niemals einen wirklich traurigen, toten Tag ohne Morgenrot oder goldenes Abendleuchten zu Ende gehen ließen.- Die weißen Schaumstreifen über dem grauen, unruhigen See; die im Vollgefühl ihrer Kraft gegen die Stürme ankämpfenden Vögel, ihre riesigen Scharen über Mooren und Wasserflächen; die Zugzeiten der Fische; das nächtliche Leben der Fischottern; die nie alltäglich werdenden lichten Tage mit der klaren Sonne und ihrem Widerschein aus weißen, gewaltigen Wolkenzügen - das wurde nun meine Welt.  [...]<<

[Zit. aus: Walter von Sanden-Guja, Der große Binsensee, 1953]

Der Dümmer ist infolge der Eiszeit entstanden. Die Durchspülung durch die Hunte und sein ständig wechselnder Wasserstand verhinderten seine vollständige Verlandung. Früher trat der See im Winterhalbjahr über seine Ufer und überschwemmte nahezu die gesamte Niederung. Ihre landwirtschaftliche Nutzung konnte daher oft erst im späten Frühjahr beginnen. Der See wurde deshalb zwischen 1941 und 1953 eingedeicht.

Die neben dem Eindeichungsprojekt erfolgende Melioration (= Entwässerung) der Niederung mit der Trockenlegung der Moore zwecks Intensivierung der Landwirtschaft, industriellem Torfabbau und Schaffung weiterer Nutzungsflächen, hatte die Mineralisierung des Hochmoortorfes zur Folge. Die Mineralstoffe (Stickstoff aus Niedermooren und Phosphor aus Hochmooren) werden über die Entwässerungskanäle und die Hunte in den Dümmer eingeschwemmt und führen zur “Überdüngung” des Sees. Hinzu kommt die Gülle-Belastung der Wiesen und Felder durch die Massentierhaltung im Landkreis Vechta. Durch die Moor-Mineralisierung und die Intensivlandwirtschaft wird der Dümmer  jährlich etwa mit 30 Tonnen Phosphor belastet (Zahl von 2004). Ohne Gegenmaßnahmen würde der Dümmer verschlammen und sein Ökosystem kippen. Eine Verschlammung erfolgt, wenn die Mineralstoffkonzentration des Wassers zu einer massenhaften Vermehrung von Algen führt, diese im Herbst absterben und auf den Boden sinken. Diese großen Biomassen können von Organismen (“Destruenten”) nur noch unvollständig zersetzt werden. Außerdem verbraucht der Zersetzungsprozeß Sauerstoff, was zu einem Sauerstoffmangel des Sees führt. Man nennt diesen Prozeß “Eutrophierung”.

 

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>>[...] Dem Dümmersee hat er [der Naturforscher, Schriftsteller und Dichter Walter von Sanden-Guja] ein Denkmal gesetzt. Heute sind seine Bücher und Mutters Bronzen unter der liebevollen Obhut von Hollbergs im Museum in Lembruch untergebracht. Dicht daneben liegen die Gräber meiner Eltern auf dem friedlichen Kirchhof Burlage [...] Meine Eltern hatten gerade ein wenig am Dümmer Fuß gefaßt, und besonders Vater war voller Pläne, an diesem See noch etwas für die Tierwelt leisten zu können. [...] Nach den genauen Anweisungen meines Vaters fertigte der Bootsbauer Heinrich Hafer in Hüde zwei flache Fischerboote zum Rudern und Staken an, wie sie sich auf dem Mauersee bewährt hatten. Sie dienten ihm zum Fischen und zum Beobachten und Fotografieren der Tierwelt. [...] Aber sehr bald erkannte mein Vater die Gefahr, in die der Dümmersee durch unvernünftige Trockenlegungen angrenzender Gebiete und durch einen rings um den See führenden Damm mehr und mehr hineingeriet. Hinzu kamen giftige Abwässer von Fabriken und einer Entenfarm, die in den See geleitet wurden. Er konnte sich nicht mehr reinigen und sein natürliches Gleichgewicht erhalten. Mehr und mehr verschlammte dieser einzigartige Vogelsee. Die natürlichen Fischarten wurden weniger. Ein langsames Sterben des Dümmers begann. Mein Vater schrieb sich die Finger wund, ging zu den Behörden und machte sich ohne Rücksicht auf seine Person unbeliebt, nur um der sinnlosen Zerstörung eines der letzten Vogelreservoire Einhalt zu gebieten. Er mußte einsehen, daß er nichts für den See seiner Wahlheimat tun konnte. Es brach ihm das Herz und machte ihn melancholisch und krank. Er starb am 7. Februar 1972 in Hüde [...] Mir scheint, eine große Tragik liegt darin, daß dieser Mann, der aus Liebe zur Natur jede freie Minute in ihr verbrachte, mit ihr lebte und sich in ihr auskannte, seinen geliebten Guja-See verlor und für seinen Wahlheimatsee nichts zu dessen Rettung tun konnte. [...]<<

[Zit. aus: Owanta Gisela Gottlieb, geb. v. Sanden, in: “Unvergessenes Angerburg - Beiträge zur Heimatkunde eines ostpreußischen Kreises”, 1980]

Als Nachtrag zu dem Artikel hat Fritz Hollberg in dem gleichen Buch unter anderem folgenes hinzugefügt : >>Über seinen Tod hinaus hat Walter von Sanden erfolgreich gewirkt und viel für den Dümmer getan! [...] Als Leiter des Dümmer-Museums und Vereinsbeauftragter  für die Dümmer-Sanierung konnte Fritz Hollberg mit den überzeugenden Argumenten von Walter von Sanden nicht nur die im Dümmer-Raum wohnenden Bundestags- und Landtagsabgeordneten aller politischen Parteien für die Sanierung des Dümmers gewinnen, sondern auch die für die Wasserwirtschaft zuständigen Stellen [...] <<

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Nicht vergessen werden sollte das Schicksal der Zwangsarbeiter, die bei der Eindeichung des Dümmers zwischen 1941 und 1945 eingesetzt wurden. Das Thema wurde jahrzehntelang totgeschwiegen. Noch heute ist auf keiner der Informationstafeln am See etwas davon erwähnt. In einem Barackenlager auf dem Flurstück 72 in Hüde-Haßlinge waren rund 240 sowjetische Gefangene untergebracht. Rund ein Viertel der Dümmer-Eindeichung wurde von diesen Gefangenen in Zwangsarbeit geschaffen. Die Wochenarbeitszeit betrug 72 Stunden. Mindestens 25 der Gefangenen starben dabei in den Jahren zwischen 1941 und 1945. Verantwortlich für die Dümmereindeichung und damit für den Einsatz der Kriegsgefangenen war der damalige Landrat Udo Veltkamp. In einem Brief vom 9.9.1941 schreibt Veltkamp an den Oberpräsidenten in Hannover unter anderem Folgendes: >>[...] Durch den Einsatz der Kriegsgefangenen war es möglich, seit Jahrzehnten vorbereitete Pläne, auf deren Verwirklichung die Landwirtschaft des Kreises Grafschaft Diepholz seit langem sehnlichst wartete, nun endlich auszuführen. Die Durchführung dieser Pläne war vor dem Kriege nicht möglich, weil entweder Arbeitskräfte nicht zur Verfügung standen oder der Einsatz freier deutscher Arbeitskräfte kostenmäßig die vom Reich bewilligten Mittel weit überstieg. [...] Ich habe zunächst eine Woche lang versucht, die Russen mit dem vom Oberkommando der Wehrmacht festgesetzten Verpflegungssätzen arbeiten zu lassen. [...] Ich habe mich mehrfach davon überzeugt, daß die Arbeitsfähigkeit der Russen von Stunde zu Stunde sichtbar nachließ, und daß sie nachmittags häufig völlig erschöpft umfielen. Am zweiten Tage des Arbeitseinsatzes ist an einer Baustelle ein Russe infolge Entkräftung tot zusammengebrochen. [...] Um die unzulänglichen Arbeitsleistungen zu erhöhen, wurde von den zivilen Vorarbeitern und den militärischen Wachmannschaften in reichem Maße von der Prügelstrafe Gebrauch gemacht. Es stellte sich jedoch heraus, daß auch durch Anwendung der Prügelstrafe im Hinblick auf die körperliche Verfassung der Gefangenen die Arbeitsleistung nicht zu erhöhen war. [...] Mit Rücksicht darauf, daß aus den Russen unter allen Umständen ein Maximum an Arbeitsleistung herausgeholt werden mußte, von ihnen aber mindestens derselbe Arbeitserfolg, wie ihn die polnischen Verbrechergefangenen aufzuweisen hatten, erreicht werden mußte, habe ich mich [...] entschlossen, ab 1. September d. Js. die Verpflegungssätze der Russen [...] zu erhöhen. [...] Die Verpflegungssätze liegen immer noch erheblich unter denen, die die polnischen Verbrechergefangenen erhielten. [...] Diese Verpflegungssätze der Kriegsgefangenen müssen m.E. ohne Rücksicht auf alle Gefühlserwägungen rein nach Nützlichkeitsgesichtspunkten bestimmt werden. [...] Ein Russe, der bei einer Fleischration von 150 g pro Woche täglich nur 1-2 cbm Boden bewegt, ist im wirtschaftlichen Erfolg wesentlich teurer als ein polnischer Verbrecher, der bei einer Wochenfleischration von 667 g täglich 8-9 cbm Boden umsetzt. [...] <<

Wir wissen heute nicht, wie die absolute Ausklammerung aller ethischen Fragen in dem kaltschnäuzigen Schreiben zu bewerten ist, ob es Anpassung, Karrieredenken, ein verengter Blick auf ein Prestigeprojekt oder ein falsch verstandenes Pflichtbewußtsein war. Man kann sich jedenfalls des Eindrucks nicht erwehren, daß auch die “Banalität des Bösen” aus dem Schreiben spricht. Nach Kriegsende wurde Veltkamp Stadtdirektor von Diepholz, dann Oberkreisdirektor und Vorsitzender des Huntewasserverbandes. [Quelle: “Der Willkür ausgesetzt - Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in den Altkreisen Grafschaft Hoya und Grafschaft Diepholz 1940-45”, eine Veröffentlichung des Kreismuseums Syke, 2003]

 

© Otwin Skrotzki.